Meine Erwartungen an meinen Auslandsaufenthalt waren, dass der Fachkurs passend zum Studium Theorie und Praxis vereint. Durch die Dauer von fünf Wochen habe ich mich intensiv mit den Themen beschäftigen und dennoch den Rest der Praxisphase im Unternehmen verbringen können. Ich hoffte, mein Wissen aus dem Studium vertiefen und erweitern zu können.
Die Summer School wird von dem Verein La Table Ronde de l’Architecture und INTBAU Belgien veranstaltet. INTBAU (International Network for Traditional Building, Architecture and Urbanism) ist in Ländern auf der ganzen Welt vertreten und bietet eine wachsende Anzahl an Summer Schools an. Dabei wird der Ansatz vermittelt, Gebäude und Stadträume mit Blick auf die lokalen Bau- und Gestaltungstraditionen zu entwickeln. Ich habe mich für die Summer School in Brügge entschieden, da die Dauer von fünf Wochen einen intensiven Einblick ermög-licht und es viele Parallelen zu unserer Architektur in Norddeutschland gibt. Ein Fokus der Summer School lag auf traditionellem Handwerk, was mich sehr interessiert hat.
Die Teilnahme an der Summer School stand allen Architekturinteressierten offen. Ein Großteil der über 30 Teilnehmerinnen und Teilnehmer aus der ganzen Welt studierte zurzeit so wie ich Architektur oder war bereits fertig. Darüber hinaus waren aber auch Handwerker, Schüler, Landschaftsarchitekten, Künstler und viele weitere Berufe vertreten. Wir waren zusammen in einem Internat im Stadtzentrum untergebracht, das während der belgischen Sommerferien sonst nicht bewohnt war. Dort fanden auch unsere Vorlesungen und ein Großteil der Übungen statt. Jeder hatte ein privates kleines Zimmer mit geteiltem Bad. Von Montag bis Samstag wurde für uns vor Ort gekocht und wir haben zusammen gegessen.
Von den Dozenten haben einige die ganzen fünf Wochen mit uns gewohnt und andere sind immer nur für einen kürzeren Zeitraum dazugekommen. Auf diese Weise hatten wir eine Viel-zahl an Vorlesungen zu unterschiedlichen Themen und konnten Architekten und Handwerker aus verschiedenen Bereichen und Ländern kennenlernen.
Ein typischer Tag begann mit Frühstück um 8.00 Uhr und anschließend dem ersten Unterrichts-block ab 9.00 Uhr. Dabei gab es neben den Vorlesungen zu zum Beispiel Architekturgeschichte und -theorie auch Übungen zu Geometrie und Freihandzeichnen. Während der Summer School wurde ausschließlich von Hand gezeichnet. Von 12.30 bis 13.30 gab es eine Mittagspause nach der der Unterricht weiterging. Häufig haben wir den Nachmittag oder auch mal den ganzen Tag irgendwo in Brügge verbracht, um Gebäude zu besichtigen und Skizzen anzufertigen. Das Ziel während der ersten Wochen lag darin, die Architektur von Brügge zu erkunden und zu verste-hen, wofür wir in kleinen Gruppen oder auch allein Gebäudeteile gemessen und aufgenommen haben, um maßstabsgetreue Zeichnungen anzufertigen. Von 17.00 bis 19.00 gab es Freizeit (vorausgesetzt, man musste nicht noch eine Zeichnung fertigstellen…) mit anschließendem Abendessen. Der Abend wurde oft ebenfalls zum Zeichnen genutzt oder es gab noch eine Abendvorlesung. Am Samstag gab es ebenfalls Unterricht, Sonntag war frei und wurde für Ausflüge in andere Städte oder an den Strand genutzt.
In der dritten und vierten Woche haben wir mit unseren eigenen Entwürfen begonnen. Meine Gruppe hat sich mit einem Gegenvorschlag zu einem aktuellen Projekt am Rand von Brügge beschäftigt. Dort werden mehrere moderne Wohnblöcke gebaut, die in einem starken Gegensatz zu der sonst typischen Bebauung in Brügge stehen. Nach einer Besichtigung haben wir einen Masterplan in städtebaulichem Maßstab angefertigt und dann einzeln an den unterschiedlichen Bereichen der Baufläche gearbeitet.
Das Projekt endete mit der Entwurfspräsentation vor einer Jury im Rahmen eines Sommerfests. Dies bot eine gute Möglichkeit, sich mit weiteren Leuten zu vernetzen, da Mitglieder von INT-BAU und Organisatoren und Teilnehmer anderer Summer Schools anwesend waren.
Die letzte Woche stand unter dem Motto „Handwerk“. Steinmetze, Dachdecker und Zimmerer aus der Region haben Vorträge gehalten und ihre Arbeit vorgestellt. Anschließend gab es die Möglichkeit im Rahmen von Workshops selbst ein Handwerk auszuprobieren. Ich habe inner-halb von drei Tagen mit meiner Gruppe die Steine für einen Rundbogen aus Belgischem Blau-stein behauen.
Die fünf Wochen waren intensiv und lehrreich. Das Programm war sehr straff und es wurden hohe Erwartungen an uns und unsere Ergebnisse gestellt. Da wir uns jedoch nicht um Verpflegung kümmern mussten, wir keine langen Wege zu unserer Unterkunft oder dem Stadtzentrum hatten und jeder mit viel Motivation dabei war, konnte man alle Energie in die Aufgaben stecken und hat so sehr gute Ergebnisse erzielen können.
Durch den Fachkurs konnte ich nicht nur mein Wissen vertiefen und mich beim Zeichnen ver-bessern, sondern auch neue Standpunkte zu Architektur kennenlernen, die ich so aus dem Studium noch nicht kannte. Durch den Austausch mit Architekten und Handwerkern konnte ich einen Einblick in unterschiedliche Bereiche erhalten, in denen man nach dem Studium tätig sein kann und internationale Kontakte aufbauen.
Bei der Bewerbung auf meine Teilnahme an der Summer School und der Förderung über PRO-MOS stand ich vor der Schwierigkeit, dass die Bewerbungsfristen weit auseinanderlagen. Über das International Office musste ich mich bereits bis Ende Oktober auf die Förderung bewerben, um im nächsten Sommer einen Fachkurs machen zu können. Zu dem Zeitpunkt hatte noch keiner der Anbieter ein Programm veröffentlicht, da der Bewerbungszeitraum meist erst im Frühjahr ist. Ich habe mich daher über vergangene Fachkurse informiert und die Anbieter kontaktiert mit der Bitte, mir so viele Informationen wie zu dem Zeitpunkt möglich über geplante
Programme im nächsten Jahr zu schicken. Außerdem habe ich nachgefragt, wie gut meine Chancen stünden, angenommen zu werden und meine Problematik mit der frühzeitigen Bewerbung auf eine Förderung erläutert. Die Organisatoren der Summer School in Brügge konnten mir bereits sagen, dass ich als Architekturstudentin und mit einer Förderung über meine Hoch-schule gute Chancen hätte auf einen Platz. Am Ende haben sie mir sogar vorzeitig zugesagt, damit ich noch ausreichend Zeit hatte, abschließend alles mit dem International Office und menem Praxispartner zu klären. Die frühzeitige Kontaktaufnahme hat sich also ausgezahlt und die bereits sichere PROMOS-Förderung war mir bei der Bewerbung von Vorteil.
