News aus der hochschule 21
Praktikum in Indien

Erfahrungsbericht über mein Praktikum in Mylaudy 2023
Erwartungen an mein Auslandspraktikum
Als ich los geflogen bin hatte ich keine Erwartungen an das Praktikum. Ich habe mich nur darauf eingestellt, dass die Kultur um 180 Grad anders sein wird als in Deutschland und ich erstmal einen Kulturschock haben werde. Vor dem Abflug habe ich mir auf der Karte den Ort Mylaudy angeschaut und gesehen das ein Strand nicht so weit weg von der Unterkunft ist. Ich habe mir die Internetseite des Zentrums durchgelesen und mich gefreut. Nachdem ich bei meinem Visum viele Probleme hatte wurde mir klar, dass ich viel innere Ruhe benötigen werde.
Art der Einrichtung
Das Zentrum wurde von dem deutschen Orthopäden Dr. Jürgen Zippel 2003 gegründet (siehe Abbildung 1). ProVision hat seit 2016 das Mangement des Zentrums übernommen und wird finanziell von der Patengemeinschaft für Kinder in Indien e. V. unterstützt.
Der Schwerpunkt der Reha liegt auf Kindern mit Infantiler Zerebralparese und der Nachbehandlung von Kindern nach Oerationen. Einmal im Jahr (November/Dezember) kommen für zwei Wochen zwei deutsche Ärztinnen aus Hamburg nach
Mylaudy und führen Operationen durch. Oftmals werden mehr als 20 Kinder operiert. Nach der Operation dürfen die Familien kostenlos in dem Zentrum bleiben. Die Kinder erhalten Physiotherapie, Sensorische Therapie, Spieltherapie, Gruppentherapie und Hydrotherapie. Jeden Samstag bieten indische Ärzt Reflextherapie, Siddah und Sprechtherapie an.
Organisationsstruktur
Es wird täglich eine Morgenrunde über alle Patienten mit allen Professionen abgehalten und der Plan für den Tag besprochen. Die Dokumentation findet in Form von Fotos und Videos statt, welche an die deutschen Physiotherapeuten und Ärzte gesendet werden. Die Therapeuten aus Deutschland kommen jährlich für zwei Wochen bis ein Monat in das Zentrum und zeigen den indischen Therapeuten neue Techniken, meistens Bobath. In diesem Zeitraum findet auch eine schriftliche
Dokumentation über die Behandlungen der Patienten statt. Des Weiteren wird einmal in Monat ein Zoom-Meeting mit dem indischen und deutschen Personal über die Patienten durchgeführt, hier können Fragen geklärt werden.
Klientel
Die meisten Patienten kommen aus ärmlichen Verhältnissen und müssen für die Therapien sowie Hilfsmittelversorgung nichts zahlen. Häufge Krankheitsbilder sind Infantile Zerebralparese, progressive Dystrophien und Autismus. Das Mylaudy-Team setzt sich aus einem Manager, zwei Physiotherapeuten, zwei Specialeducater, einem Orthopädietechniker und einer Köchin sowie Putzfrau zusammen.
Alltag in der ausländischen Einrichtung
Meine Arbeitszeiten sind Montag bis Samstag von 9:30 Uhr bis 16 Uhr. Meistens bin ich um 7:30 Uhr aufgestanden, habe Yoga gemacht und mit meinem Gastvater gefrühstückt. Der Arbeitstag hat immer mit einem Gebet vor der
Morgenrunde gestartet. In der Morgenrunde haben wir den Plan für den Tag besprochen. Danach haben wir mit einer Gruppentherapie gegen 10 Uhr gestartet und dann ging es in die Einzeltherapien bis 13 Uhr. Von 13 bis 14 Uhr haben wir Mittagspause gemacht. Nach der Pause haben ich meistens Hydrotherapie (schwimmen) mit drei bis vier Kindern gemacht und dann optional Einzeltherapie. Nach der Arbeit bin ich häufig spazieren gegangen, habe Yoga gemacht oder im Garten gearbeitet.
Praktikumsverlauf
Ich bin am 11.03.2023 am Morgen in Mylaudy angekommen. Danach hatte ich für die ersten drei Wochen einen Kulturschock und bin eine emotionale Achterbahn gefahren. Ich habe gemerkt, dass ich jeden Tag meine Komfortzone verlassen muss. Ich habe beschlossen mindestens vier Wochen zu bleiben und dann zu schauen wo mein Weg hin geht. Nach den vier Wochen war ich mit den Prozessen vertraut und konnte mich sehr gut auf die Kultur einlassen. Somit bin ich dann vier weitere Wochen in Mylaudy geblieben. Es waren zwei wunderschöne Monate, hier
passieren kleine Wunder und ich bin sehr dankbar ein Teil davon gewesen zu sein.
Unterschiede zu ihrem Beruf
Die Indische Mentalität und Kultur sind in Kombination mit deutschen Operationsund Nachbehandlungstechniken eine Herausforderung. Ich habe mir oft die Frage gestellt wie sinvoll es ist unsere deutschen Methoden hierher zu bringen? Die indischen Physiotherapeuten sind ohne unsere Hilfe nicht in der Lage die Methoden effektiv anzuwenden. Oftmals sind sie mit den Krankheitsbildern und deutschen Behandlungsmethoden überfordert.
Die Therapeuten arbeiten ganz anders als Deutsche: andere Ansätze, oftmals weinende Kinder, die Therapie wird selten als Spiel verknüpft. Bestrafung der Kinder, wenig Lob, viele Manuelle Techniken, wenig aktive Therapie, anderes Verständnis vom menschlichen Körper, keine schriftliche Dokumentation nach jeder Behandlung.
Mir ist besonders aufgefallen, dass die indischen Familien mit Erkrankungen ganz anders umgehen als wir in Deutschland. Hier haben die Familien deutlich mehr Geduld und Hoffnung, um auf ein gutes Outcome zu warten. Es war so schön zu sehen wie die ganzen Familien hier zusammenhalten. Alle werden eingebunden und die Familien sind so dankbar für unsere Hilfe. In diesem Zentrum wird so viel Liebe verteilt. Wenn ein Kind Fortschritte gemacht hat, haben sich alle gefreut. Selbst wenn ein Kind mal einen schlechten Tag hatte, waren alle für einander da. Ich bewundere die Mütter jeden Tag wie viel Energie sie aufbringen, um ihre Kinder zu unterstützen. Das ist einfach wundervoll.
Wohnsituation
Ich habe auf dem Reha-Gelände in Mylaudy mit meiner indischen Gastfamilie im Staff-Haus gewohnt. Ich hatte mein eigenes Zimmer mit Badezimmer. Wir haben immer zusammen gefrühstückt sowie lunch und dinner gegessen. Häufig haben wir am Wochenende etwas zusammen gemacht oder Abends im Garten gearbeitet.
Tipps und Tricks
1. Kochunterricht bei Rajam (der Köchin nehmen)
2. Immer die Ruhe bewahren und nie die Uhrzeit als Anhaltspunkt nehmen,
20 Minuten sind oftmals 40 Minuten J
3. Entfernungen werden immer in Kilometern angegeben
4. Lange und luftige Kleidung einpacken
5. Für die Frauen: keine Tshirts die durchsichtig sind, Schultern bedecken und
keinen Ausschnitt
6. Nicht unsicher werden, wenn Menschen im Dorf einen lange anschauen
oder anquatschen
7. Normale Bankkarte aus Deutschland und 100 Euro in bar mitnehmen
8. Immer gekauftes Wasser trinken
9. Vor Abreise das Visum so früh wie möglich beantragen
10. Mückenspray von Nobite aus der Apotheke
11. Nicht im Mai nach Mylaudy fahren (wärmster Monat)
12. Enjoy life!!
Impressionen
Wenn ihr Fragen habt schreibt mir gerne an: paulina.rohr@gmail.com