Wieviel Automatisierung verträgt die Medizintechnik? Vizepräsidentin der hochschule 21 spricht beim Arbeitskreis Medizintechnik

Referenten und Gastgeber des Medizintechnikabends am NIT: Norman Scotti (Weinmann), Christoph Materne (Philips), Verena Fritzsche (NITHH), Prof. Barbara Zimmermann (hochschule 21), Prof. Walter Gross-Fengels (Asklepios Klinikum Harburg), Marie Luise Deckert (Philips) (von links)

Wie in vielen Bereichen lässt sich auch in der Medizintechnik ein steigender Grad an Automatisierung und ein wachsender Einsatz autonomer Systemen beobachten. Um den Einfluss von Automatismen und Computergestützten Systemen auf dem Gebiet der Medizintechnik von verschiedenen Blickwinkeln zu beleuchten und auch einmal kritisch zu hinterfragen, hatte der Arbeitskreis Medizintechnik unter der Leitung von Christoph Materne  zum Themenabend „Wieviel Automatisierung verträgt die Medizintechnik“ eingeladen.

Gastgeber der Veranstaltung war das Northern Institute of Technology Management (NITHH), welches Ingenieurinnen und Ingenieuren aus aller Welt eine zusätzliche Ausbildung in Bereichen wie Technologiemanagement und digitaler Transformation bietet. Mit diesem Kooperationspartner war somit für den richtigen Rahmen gesorgt, um im Audimax der TUHH hochkarätigen Fachvorträgen zu lauschen und anschließend an einer lebhaften Diskussion mit den Referenten teilzunehmen.

Den Einstieg in das Thema gab Verena Fritzsche, CEO des NITHH, mit einem kurzen Grußwort und einem Ausblick darauf, dass Ingenieure künftig mehr denn je nicht nur technologischen, sondern auch wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Herausforderungen begegnen müssen. Die Medizintechnik sei hierfür ein gutes Beispiel, da in diesem Bereich schnell auch Fragen zu Ethik und der Verantwortung von Maschinen zum Tragen kämen.

Als eine der Referentinnen war Prof. Barbara Zimmermann, zu Gast. Die Vizepräsidentin und Leiterin des Fachbereichs Gesundheit an der hochschule 21 in Buxtehude berichtete über ihre umfangreichen Erfahrungen in der Ausbildung medizintechnischen Fachpersonals. Sie sprach dabei vor allem über den neuen Fokus in der Lehre und den Wandel der benötigten Qualifikationen. Automatisierung böte hohes Potential, um die Qualität medizinischer Gesundheitsleistungen zu verbessern und z.B. die Bildqualität medizinischer Bildgebung auch unabhängig vom Anwender zu gewährleisten. Allerdings ergeben sich auch diverse Risiken, sollte die Ausbildung nicht den Wandel der Zeit berücksichtigen und sich auf die neuen Anforderungen der Generation „Digital Natives“ einstellen. Die Art und Weise, wie Fachkräfte heutzutage lernen, welchen Fokus sie sich suchen und wie selbstverständlich ein „Mitdenken“ von digitalen Systemen erwartet wird macht deutlich, welchem Anspruch sich die Lehre künftig stellen muss um auch weiterhin qualifiziertes Fachpersonal hervorzubringen.

Marie Luise Deckert referierte über die Bedeutung von Automation und Mensch-Maschinen Interaktion in der Benutzung digitaler Radiographie-Systeme. Als Applikations-Spezialistin bei Philips Healthcare und trägt sie maßgeblich dazu bei, die Bedienung von komplexen Röntgen-Anlagen möglichst benutzerfreundlich zu gestalten. Sie stellte fest, dass in einem sich immer stärker konsolidierenden Gesundheitsmarkt mit steigendem Kostendruck auch im klinischen Alltag die Arbeitseffizient und Auslastung der Geräte eine immer größere Bedeutung gewinnt. Gerade hier ist es wichtig mit Blick auf Arbeitseffizienz und Sicherheit auch die Menschlichkeit nie aus den Augen zu verlieren. „Empathie gibt es schließlich nicht als App.“

Norman Scotti, Product Manager bei der Weinmann Emergency Medical Technology GmbH und Experte auf dem Gebiet heutiger Beatmungstechnologie, berichtete über die Entwicklung der Anwenderschnittstellen für diese Geräte. Anhand einer Zeitreise, beginnend bei ersten Geräten ihrer Art bis hin zu aktuellen High-End Produkten, diskutierte er sowohl Chancen als auch Herausforderungen im Bereich der Beatmungstechnologie, an die wir höchste Ansprüche hinsichtlich Zuverlässigkeit, Funktionalität und intuitiver Bedienbarkeit stellen. Dabei gab er für die Zuhörer hochinteressante Ausblicke, wohin der Trend künftig gehen und welche Konsequenzen sich daraus sowohl für Anwender als auch Hersteller ergeben könnten.

Mit seinem Vortrag zum Thema „Wieviel Automatisierung verträgt die Radiologie?“ ging anschließend Prof. Dr. med. Walter Gross-Fengels, Facharzt für Radiologie und Chefarzt am Asklepios Klinikum Harburg, darauf ein, welchen Fortschritt Automatisierung bereits im Bereich der radiographischen Diagnostik gemacht hat und an welchen Stellen er noch Potential sieht. So ermögliche der geschickte Einsatz computergestützter Systeme zur Vorselektion und Sortierung von  Röntgenaufnahmen in der Diagnostik eine Entlastung bei administrativen Aufgaben und könne den Radiologen dabei unterstützen die knapp bemessene Zeit auf die wesentliche Befundung zu konzentrieren. Hier erörterte Prof. Gross-Fengels anhand von Beispielen aus der klinischen Praxis lebhaft und mit Humor mögliche Anwendungen. Zudem zeigte er auch die Grenzen fortschreitender Automatisierung auf und machte deutlich, welche Kompetenzen man autonom agierenden Systemen einräumen könnte und wo letztendlich doch die menschliche Komponente unentbehrlich bleibt.

Angeregt durch diese Vorträge beteiligten sich die Zuhörer im Anschluss lebhaft an der Podiumsdiskussion, bei der die Referenten noch ausführlich auf die Fragen aus dem Plenum eingingen. Dabei zeigte sich, dass das Thema des Abends nicht nur in Ingenieurs-Kreisen auf Interesse stößt, sondern auch unter Medizinern derzeit heiß diskutiert wird. So fanden sich unter den Zuhörern diverse Ärzte und medizinisches Fachpersonal. Christoph Materne begrüßte dies sehr und betonte, wie willkommen ihm auch ein interdisziplinärer Austausch für diese Veranstaltung war. „Es ist mir sehr wichtig, dass in unserer Disziplin Ingenieure, Ärzte und medizinisches Fachpersonal auf Augenhöhe in den Dialog treten und gemeinsam an Lösungen arbeiten.“

(Pressemitteilung Christoph Materne, 14.02.2017)